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Diskussionsrunde zum Thema FGM / Frauengenitalverstümmelung

am 10. Feber 2010 in Innsbruck

   

Am 10. 02. 2010 trafen sich in Innsbruck im Verein „Frauen aus allen Ländern“ ca. 30 Frauen zu einer Diskussionsrunde zum Thema Weibliche Genitalbeschneidung (FGM). Initiiert wurde die Veranstaltung von Yeliz Dagdevir, Geschäftsführerin der „Initiative Minderheiten“. An der Organisation mitbeteiligt war der Verein „Forum Musliminnen in Tirol (MiT)“. Ebenfalls anwesend war Dr.in Edith Kaslatter, die mit dem Verein „Ekando Kumer“ ein Projekt im Sudan betreibt, das Mädchen durch Patenschaften Schulbildung und medizinische Versorgung ermöglicht. Im Gegenzug verpflichten sich deren Eltern, das Mädchen nicht beschneiden zu lassen.

 

Nach Begrüßungsworten durch Silvia Ortner von „Frauen aus allen Ländern“ folgten eine kurze Vorstellung des „Forum Musliminnen in Tirol (MiT)“ durch dessen Obfrau Cornelia Atalar sowie einleitende Worte zum Thema FGM durch Yeliz Dagdevir.

 

Am Beginn des folgenden Vortrages von Felista Wairimu Fuchs-Schober, Sozialarbeiterin aus Kenia, stand ein Filmausschnitt, der eine Beschneidungsszene zweier junger Mädchen in Kenia zeigte. Es folgten verschiedene Informationen zum Thema FGM durch Fr. Fuchs-Schober. Zahlreich gestellte Fragen machten das Interesse und die Betroffenheit der anwesenden Frauen deutlich. Hilfreich waren auch die Wortmeldungen der anwesenden ägyptischen Frauen, die zeigten, dass Frauenbeschneidung sehr unterschiedliche Formen und damit auch Auswirkungen haben kann.

 

Laut den persönlichen Berichten dieser Frauen wird in Ägypten nicht (mehr) die große „pharaonische Beschneidung“ vorgenommen (mit anschließendem Zunähen bis auf eine winzige Öffnung), sondern „nur“ die Vorhaut und ein Teil der Klitoris beschnitten. Dies geschieht bei ca. 8-jährigen Mädchen unter Betäubung beim Arzt, nachdem dieser entschieden hat, ob die Beschneidung nötig ist. Die Notwendigkeit wird mit Schönheit begründet, „zu groß ist nicht schön“. Körperliche Probleme entstehen lt. den Frauen durch die Beschneidung nicht, wohl aber fehlendes Lustempfinden. Das führe dazu, dass manche Männer mit ihren Frauen deswegen zum Arzt gehen.

Das ganze Thema Frauenbeschneidung ist ein Tabuthema, das normalerweise in der Familie bleibt. Manche Mädchen werden beschnitten, manche nicht. Die anwesenden Frauen möchten ihre eigenen Töchter nicht mehr beschneiden lassen.

In anderen Ländern wie Kenia, Somalia, Sudan etc. ist offensichtlich die große Beschneidung vorherrschend und eine sehr starke Tradition. Sie wird bei Muslimen und Christen durchgeführt, von Beschneiderinnen, die (meist?) auch die Hebammen sind. Als „beste“ Beschneiderin gilt jene mit dem schärfsten Messer (Rasiermesser, -klinge) und die die Frau am engsten zunäht. Im schlimmsten Fall wird nur eine reiskorngroße Öffnung gelassen, wodurch gravierende körperliche Probleme entstehen, falls die Frau den Eingriff denn überlebt. Etwa Menstruationsprobleme, da das Blut nicht richtig abfließen kann, Probleme beim Wasserlassen, Harnwegsinfekte, Blasensteine, Inkontinenz, Fisteln, Probleme bei der Entbindung u.a.. Durch mangelnde Hygiene kommt es außerdem zur Übertragung von Krankheiten wie Aids. Zusätzlich hat die Verstümmelung natürlich schwerwiegende psychische Folgen.

 

Es gibt regionale Unterschiede betreffend das Ausmaß der Beschneidung und die Riten, die damit verbunden sind. Die Mädchen wachsen jedenfalls mit dieser Tradition auf und mit den Drohungen, welche Folgen es für eine Frau hat, unbeschnitten zu bleiben, nämlich

-          sie ist dann keine richtige Frau

-          sie wird keinen Ehemann bekommen

-          sie wird als Prostituierte enden

-          ihr erstes Kind wird tot geboren

-          sie wird ihren Mann dadurch vergiften

 

Der Zeitpunkt  der Beschneidung ist ebenfalls unterschiedlich. Manchmal wird die Frau erst am Tag vor ihrer Hochzeit beschnitten. In anderen Regionen, wo Mädchen stark beschnitten und dann zugenäht werden, muss der Mann seine Frau in der Hochzeitsnacht aufschneiden, was mit unterschiedlichsten Hilfsmitteln wie Rasierklingen oder Glasscherben geschieht.  Manche Frauen haben das Glück, dafür in eine Klinik gehen zu können.

Nach einer Entbindung werden die Frauen wieder zugenäht.

 

Die Vortragende erzählte von ihrem eigenen Stamm in Kenia, wo der Beschneidungstag ein großes Fest für die Frauen des ganzen Dorfes ist. Die Mädchen bekommen an diesem Tag ein Geschenk, für sie etwas ganz Besonderes. Es gibt das beste Essen, Tanz, Trommeln etc. Die Mädchen selbst können allerdings nicht feiern. Alle Mädchen werden ca. im November beschnitten, traditionell in einer Hütte auf Bananenblättern am Boden liegend. Der Grund für diese Jahreszeit ist, dass dort zwei Monate Ferien folgen, eine Zeit, die die Mädchen zur Heilung brauchen.

 

Frau Fuchs-Schober erwähnte auch, dass es für Familien sehr schwierig ist, entgegen der Tradition ihre Mädchen nicht beschneiden zu lassen. Für ein Mädchen wird bereits bei ihrer Geburt der künftige Ehemann bestimmt und sie wird dann regelmäßig von dessen Familie beschenkt. Wenn das Mädchen dann etwa mit 15 Jahren heiraten soll, aber nicht beschnitten wurde, ist sie als Ehefrau bzw. Schwiegertochter nicht mehr erwünscht und ihre Familie braucht viel Geld, um die bisher erhaltenen Geschenke zurück zu zahlen. Die wenigsten Familien können sich dies leisten.

  

Offiziell ist FGM teilweise bereits verboten. Laut Fr. Dagdevir werden Schamlippen- und Klitorisverkleinerungen sowie Verkleinerungen des Schamhügels von der WHO als weibliche Genitalverstümmelung eingestuft. Daher ist dies in Großbritannien verboten. In Österreich, wo FGM durch Migration aktuell wurde, ist FGM seit 2002 gesetzlich verboten. Ebenso alle Eingriffe, die das sexuelle Empfinden der Frau beeinträchtigen, selbst wenn sie den Eingriff selbst verlangt. Jedoch können Gesetze allein solch festverankerte Traditionen nicht verändern.

 

Projekte, die FGM bekämpfen, können nur Erfolg haben, wenn die Bevölkerung über die Folgen informiert wird, die die Verstümmelung für die Frauen hat. Frau Dr.in  Kaslatter berichtete, dass den Frauen der ursächliche Zusammenhang zwischen der Beschneidung und ihren körperlichen und psychischen Problemen gar nicht bewusst ist. Diesbezügliche Aufklärung ist daher notwendig. Auch die Männer müssen eingebunden werden, damit sie wissen, was sie ihren Töchtern mit der Verstümmelung antun.

 

Als hilfreich erwies sich die Erklärung, die 2006 von Islamgelehrten aus verschiedenen Nationen bei einer Konferenz zum Thema FGM in Kairo abgegeben wurde. Diese Erklärung richtet sich entschieden gegen Genitalverstümmelung, u.a. aufgrund des im Islam geltenden Rechts auf körperliche Unversehrtheit. Obwohl der Islam die Frauenbeschneidung nicht verlangt, wird diese Tradition auch von Muslimen aufrecht erhalten. Wenn nun gemeinsam mit den Ärzten, Hebammen u.a. auch der Imam vor Ort sich gegen die Beschneidung ausspricht und dies islamisch begründet, hat das natürlich positiven Einfluss.

 

 

Trotz des unerfreulichen Themas war dies eine gelungene Veranstaltung mit zahlreichen Informationen und vielen Wortmeldungen.  Was bleibt ist - neben der Betroffenheit - das Bewusstsein, dass FGM ein vielschichtiges Problem ist, das nur sehr langsam, wenn nicht gelöst, so zumindest verringert werden kann. Es braucht viel Aufklärung, viel Geduld und auch viel Feingefühl. Ein missionarisches Auftreten als Europäer führt sicher am wenigsten zum Ziel.

 

Was wir hier zu Lande tun können: Fakten zu FGM und Informationen über Projekte verbreiten, die in den betreffenden Ländern bereits laufen, sodass möglichst viele Menschen diese Projekte unterstützen. Indem sie etwa eine Patenschaft übernehmen, die ein Mädchen vor der Verstümmelung bewahrt.

 

FGM / Projekte im Internet: 

·      Projekt Stoppt fgm im Sudan / Patenschaften:

            http://www.ekando-kumer.at/

·      Österreichische Plattform gegen weibl. Genitalverstümmelung „STOP FGM" / Unterstützungserklärung:

http://www.stopfgm.net/

  •   Menschenrechtsorganisation TARGET / Kairoer Konferenz:

            http://www.target-human-rights.de/HP-08_fatwa/index.php

 

Weitere allgemeine Infos zu FGM:

 

Die folgenden Informationen stammen aus dem Heft zu FGM von „Zentrum polis - Politik lernen in der Schule“: Der 6. Februar wurde 2003 zum Internationalen Tag gegen FGM = Female Genital Mutilation zu Deutsch weibliche Genitalverstümmelung  erklärt.

Die WHO schätzt, dass jedes Jahr drei Millionen Mädchen beschnitten werden (das sind mehr als 8.000 pro Tag). Die weibliche Genitalbeschneidung wird  unabhängig von religiösen Überzeugungen durchgeführt: in den westlichen, östlichen und nordöstlichen Staaten Afrikas.

Sehr häufig wird FGM in folgenden Staaten praktiziert: Ägypten, Sudan, Somalia, Dschibuti, Mali, Sierra Leone, Eritrea und Guinea sowie Gambia, Äthiopien und Burkina Faso. Außerhalb Afrikas gibt es FGM auf der arabischen Halbinsel: Oman, Vereinigte Arabische Emirate, Jemen. In Nordirak wurde eine Studie bei den kurdischen Frauen durchgeführt und festgestellt, dass über 80% der befragten Frauen beschnitten sind. Über FMG bei den Kurden in Syrien und der Südosttürkei gibt es zu wenig Informationen.  In Asien gibt es FGM vor allem in Indien, Indonesien, Malaysia und Pakistan. In Südamerika in Peru, Brasilien und im Osten Mexikos.

FGM ist eine etwa 3-4000 Jahre alte Tradition und kann nicht genau nachgeforscht werden. Es gibt Nachweise, dass bereits die frühgeschichtlichen römischen und arabischen Kulturen derartige Eingriffe vorgenommen haben. Eine Theorie über das Entstehen von FGM stützt sich auf die Vorstellungen der ägyptischen Pharaonen. Sie glaubten, dass in jedem Menschen eine männliche und eine weibliche Seele existieren. Bei den Männern wurde die weibliche Seite in der Penisvorhaut und bei den Frauen die männliche Seite in der Klitoris vermutet. Um also ein vollständiger Mann bzw. eine vollständige Frau zu werden, musste man sich die jeweiligen Teile entfernen lassen.

FGM ist und war allerdings kein rein afrikanisches Phänomen. Im 19. Jahrhundert war die Klitorisbeschneidung auch in Europa (v.a. im englischsprachigen Raum) sehr weit verbreitet. Das Ziel war, Selbstbefriedigung bei Frauen zu verhindern. Die Masturbation galt als einer der Hauptgründe für  Geisteskrankheiten. Auch weibliche Homosexualität, „Hyper-Sexualität“ und Hysterie sollten durch die Beschneidung der Klitoris „geheilt“ werden.

In Europa wurde die Praxis der FGM durch Migration wiedereingeführt. Im Jahr 2008 wurden in allen EU-Staaten Aktionspläne gegen FGM erstellt. 2009 hat Österreich einen Nationalen Aktionsplan gegen weibliche Genitalbeschneidung verabschiedet. In den meisten EU-Ländern und in den einzelnen betroffenen Ländern wurde FGM gesetzlich verboten.